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Film
2004
Gegen die Wand
Eine Chance für die Liebe...
Heiko ist begeistert von Gegen die Wand
Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Ein Anfang in ein vermeintlich besseres Leben, weg von allen verzehrenden Dämonen. Bei Cahit ist dies der Tod der Ehefrau und der exzessive Gebrauch von Alkohol und Drogen. Bei Sibel die Traditionen einer Gesellschaft, in und mit denen sie nicht leben will. Beider Ausweg soll der Freitod sein, beides gelingt nicht: Sibels Versuch, sich die Pulsadern zu öffnen sowie Cahits frontale Fahrt mit dem Auto gegen die Wand. Sie treffen sich im Krankenhaus und Sibel erkennt in dem mürrischen Cahit den Ausweg aus ihrem familiären Gefängnis. Sie fragt ihn, ob er sie heiraten möchte, sie kann ja gut putzen und kochen, nur damit sie "feiern, saufen und ficken" kann. Dabei schafft sei es mit einiger Mühe, den zuerst nicht interessierten Cahit zur Hochzeit zu bringen.

Fatih Akin gelingt es, mit seinem vierten Langfilm ein eindringliches Drama zu schaffen. Getreu dem Filmtitel steuern beide Protagonisten wieder gegen eine Wand, als ob sie ihrer neuen Chance nicht gewahr werden. Sie werden es, doch zu spät. Es ist ein Drama über die Liebe, verpasste und/oder zu spät wahrgenommene Chancen, diese aufzunehmen und zuzulassen. Es ist ein Porträt zweier Deutsch-Türken, die mit den Traditionen, mit denen ihr Umfeld und eine ältere Generation lebt, nicht zurecht kommen bzw. sich diesen nicht unterwerfen wollen. Spät in der Geschichte, wenn zarte Bande zwischen den beiden Scheineheleuten entsteht, berufen sie sich ironischerweise darauf und finden besser in das traditionelle Rollenbild ihrer türkischen Mitmenschen hinein.

Man hätte mit Gegen die Wand leicht das Hadern junger, moderner Türkinnen mit den alten Traditionen nutzen können, um daraus ein Sozialdrama machen zu können. Akin hätte so einige Statements setzen können. Das Einzige ist Sibels Idee, wie sie aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen kann um so zu leben, wie sie es möchte. Der durchaus erst bizarr erscheinende Einfall stellt trotzdem gut die Frage in den Raum, wie weit das Festhalten am alten Frauenbild nicht schon überholt ist. Akin möchte lieber auf die tragische (Liebes-)Geschichte seiner beiden Helden blicken.

Dies macht er ohne großen Kitsch und Schmalz. Gegen die Wand lebt auch ein wenig vom Kolorit des Hamburger Kiez, in dem der Film zum größten Teil spielt. Er fängt die einfachen Verhältnisse ungeschönt ein: Cahits verdreckte Wohnung, die leicht ranzige Stammkneipe, der schummrige Club. Es steckt einfaches Leben im Film, dessen Gefühl Akin mit gutem Gespür transportiert. Mit sicherer Hand führt sein Drehbuch und er selbst die Hauptdarsteller Birol Ünel und die (sagenhaft schöne) Sibel Kekilli durch eine Geschichte, bei der man sich fernab aller klischeehaften Kitschbomben made in Hollywood ein Happy End wünscht. Akin verweht es uns; die emotionale Welt des Films ist realistisch, sie ist geerdet uns immer glaubhaft.

Ein leises Drama, das große Gefühle zwischen zarter Bande, Verzweiflung, Trauer und Schmerz dank der sicheren Hand und der urbanen, lustvollen Art seiner Inszenierung gut dosiert zeigt. Das leiden mit den beiden Figuren ist somit gekonnt intensiviert; auch durch die über die gesamte Zeit großartigen Leistungen von Üner und Kekilli. Gerade letztere, für die der Film das Schauspieldebüt darstellte, kann begeistern. Dies kann Gegen die Wand ebenfalls, von Anfang an, um dann wie Cahit am Ende auch den Zuschauer mit traurigem Blick hinwegschweifen zu lassen.

100 Krittiqs
2
2
Super-Kritik!!
Dankeschön :)
Film
2004
Gegen die Wand
3
0
0
IMDB
8 von 10
Genre
Romance, Drama, Foreign
Länge
121 Minuten
Handlung
Zwei Verzweifelte treffen in einem Hamburger Krankenhaus aufeinander. Die junge Türkin Sibel hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, Cahit sein Auto total betrunken gegen die Wand gefahren. Um ihrem restriktiven Elternhaus zu entfliehen, überredet Sibel Cahit, sie zum Schein zu heiraten, im Gegenzug will sie ihm den Haushalt führen.
Regisseur
Fatih Akin
Besetzung
Birol Ünel als Cahit Tomruk
Sibel Kekilli als Sibel Güner
Catrin Striebeck als Maren
Güven Kıraç als Seref
Meltem Cumbul als Selma
Stefan Gebelhoff als Nico
Demir Gökgöl als Yunus Güner/ Vater