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Film
2010
Wir sind was wir sind
Wohin des Weges, Kannibale??
Heiko findet Wir sind was wir sind okay
#HORRORCTOBER 2016 - Film Nr. 12

Ein verwahrlost aussehender Mann torkelt durch ein Einkaufszentrum, wird von einem Schaufenster, an dem er halt macht, weggejagt. Er bricht einige Schritte weiter zusammen, erbricht schwarzen Schleim und sackt zusammen. Das Reinigungspersonal schafft ihn weg, der schwarze schleim wird ebenfalls schnell weggewischt und schon gleich schlendert an dem Platz ein Paar vorbei.


Jorge Michel Graus Film will unbequem sein und das von der ersten Minute an. Der Zuschauer spürt dies, doch manchmal, vor allem zum Ende hin, fragt man sich wohin WIR SIND WAS WIR SIND genau hin will. Die Mann den wir am Anfang sahen, ist der Vater, der Ernährer einer Familie, die nun auf sich allein gestellt sind. Ernährer ist dabei wortwörtlich zu verstehen: nicht nur, dass er mit Reparaturen von Uhren (zu wenig) Geld für die Familie verdient: er schafft auch Nahrung für seine Frau, die beiden Söhne und seine Tochter an.


Diese wird in einem geheimnisvollen Ritual zum Verzehr vorbereitet und getötet. Handelt es sich doch um Menschen, die von der Familie gegessen werden. WIR SIND WAS WIR SIND ist allerdings weniger Horrorfilm, auch wenn er sich bei Mechanismen des Genres bedient, als mehr Sozialdrama. Die unbequeme Stimmung des Films ist am stärksten, wenn die Verzweiflung der Protagonisten einbricht, weil der Verlust des Vaters zu schwer wiegt. Alfonso, der älteste Sohn und neue Anführer, hadert mit seiner Rolle. Plötzlich ist das neue Familienoberhaupt mit der Beschaffung von Nahrung beschäftigt und findet sich in einer Rolle wieder, für die er noch nicht geschaffen ist. Er sucht selbst noch seine Identität und wird - im geheimen, unbemerkt von der trauernden Mutter - von seiner Schwester Sabina gelenkt.


WIR SIND WAS WIR SIND zeigt in vielen Schichten die Pervertierung der Gesellschaft, wie diese sich in zwei Schichten, die immer weiter voneinander entfernt sind, aufteilt. Die Schwachen sind nichts weiter als “Müll”, die soziale Isolation führt zu einer ins extrem gesteigerten Verwahrlosung und zeigt, wie die Schwächsten der Schwächsten zum Scheitern prädestiniert sind. Trotz aller Versuche, das Überleben in einer für sie unwirtlichen Welt zu sichern. Grau erzielt in den besten Momenten seines Films weniger durch den offensichtlichen Schrecken des Kannibalismus schockierende Momente, sondern durch diese krasse Gegenüberstellung. Am Rand angerissen: eine desinteressierte und desorientiere Polizei, welche schwerlich voranschleppend sich der Kannibalenfamilie in ihren Ermittlungen nähert.


Irgendwo zwischen intelligentem Arthouse-Horror, verbunden mit einer Ästhetik des modern-düsteren urbanen Horrorfilms und ungeschöntem Sozialdrama kann man das Langfilmdebüt Graus einordnen, dass in all seinen Bemühungen teilweise selbst etwas planlos erscheint. Er zeigt die erwähnten schockierenden Zustände auf, arbeitet dies nicht gut aus und lässt so manche Ansätze ins Leere laufen. Der Film ist dadurch aber angenehm rau und ungeschliffen. Seine eingestreuten Horrorelemente, die in der zweiten Hälfte mehr Raum einnehmen und somit auch das Gleichgewicht der Geschichte etwas stören, wollen deswegen nicht immer zu Graus Sozial- und Gesellschaftsdrama passen. Dies lässt den WIR SIND WAS WIR SIND so unentschlossen wirken, das Ende ist zudem mit seiner typischen Genrelösung gefühlt sehr lau und eine unnötige Unterordnung in Konventionen eines Genres, welches man nur zum Vorantreiben der Geschichte benötigt. Eine Geschichte, die vielleicht auch deswegen so ohne festen Weg erscheint. Sehenswert ist WIR SIND WAS WIR SIND trotzdem.
100 Krittiqs
2
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Film
2010
Wir sind was wir sind
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1
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IMDB
5.7 von 10
Genre
Drama, Horror, Thriller
Länge
90 Minuten
Handlung
Der Vater ist tot, die Familie geschockt. Wer ernährt sie jetzt? Die Mutter Patricia (Carmen Beato) zieht sich in ihr Zimmer zurück. Die Söhne Alfredo (Francisco Barreiro) und Julian (Alan Chávez) sind unschlüssig. Nur ihre Schwester Sabina (Paulina Gaitán, "Sin Nombre") drängt zur Tat: "Du wirst es tun müssen", fordert sie von Alfredo, dem Erstgeborenen.
Regisseur
Jorge Michel Grau
Besetzung
Paulina Gaitán als Sabina
Francisco Barreiro als Alfredo
Alan Chávez als Julián
Carmen Beato als Patricia
Adrián Aguirre als Adriana
Miriam Balderas als Sheyla
Jorge Zárate als Owen